KI knackt WWI-Code – und macht dabei nichts Besonderes
Am 21. September 2026 meldet t3n: OpenAIs GPT-6 Astra hat einen Funkspruch aus dem Ersten Weltkrieg entschlüsselt, der auf einer Liste von 50 ungelösten Kryptogrammen der Plattform scienceblogs.de stand. Der Entwickler „Prinz" nutzte das Schlüsselwort „TRUPPENVERSCHIEBUNG" – ein Wort, das Fachleute bisher für erst ab dem 9. Dezember 1918 gültig hielten, das aber bereits für den Spruch vom 27. November 1918 funktionierte. Die Nachricht meldet die Ankunft eines englischen Kreuzers im Hafen Sewastopol.
Für Unternehmen, die gerade KI-Tools in den Blick nehmen, ist der Fall eine nützliche Kalibrierung. Die Schlagzeile klingt nach historischem Durchbruch, die Methode dahinter ist ein einzelner Schlüsselversuch, den ein Kryptoanalytiker mit dem richtigen historischen Kontext vermutlich auch hätte finden können. Gleichzeitig zeigt der zweite Fall aus derselben Meldung – eine Enigma-Nachricht der deutschen Armee vom Juli 1941, die die KI in zehn Stunden mit 14,8 Millionen Schlüsselüberprüfungen löste –, wo ein Sprachmodell tatsächlich Arbeit abnimmt, die ein Mensch in dieser Zeit nicht schafft. Die Unterscheidung zwischen „KI als Rechenwerkzeug" und „KI als Orakel" ist genau die Frage, die man sich vor jeder Anschaffung stellen sollte.
ADFGVX, ein Schlüsselwort und ein falsches Datum
Das ADFGVX-Verfahren wurde 1918 von dem Nachrichtenoffizier Fritz Nebel als „Geheimschrift der Funker 1918" entwickelt. Es kombiniert zwei Schritte: Zuerst wird jeder Buchstabe und jede Ziffer über ein 6×6-Polybius-Quadrat in ein Paar aus den Zeichen A, D, F, G, V und X umgewandelt – sechs Buchstaben, die sich im Morsecode akustisch deutlich voneinander unterscheiden. Dann ordnet ein Schlüsselwort die Position der Zeichen in der Matrix neu an (Spaltentransposition). Die fertige Nachricht ging in Fünfergruppen per Funk ab; zu Hochzeiten gingen täglich bis zu 150 solcher Nachrichten über den Äther.
Die Schwäche des Systems war bekannt: Reichte die Menge der Funksprüche, ließen sich Häufigkeitsmuster und Transpositionsstrukturen analysieren. Bei dem Funkspruch vom 27. November 1918 scheiterten die Versuche an einer historischen Annahme: Das Schlüsselwort „TRUPPENVERSCHIEBUNG" wurde in der Fachliteratur als erst ab dem 9. Dezember 1918 gültig geführt. GPT-6 Astra probierte es einfach aus – und es passte.
Zur Verifizierung glich das Modell die Daten mit den Logbüchern der HMS Canterbury ab, die am 24. November 1918 in Sewastopol einlief. Die Ankunft eines alliierten Geschwaders am 26. November bestätigte die zweite Angabe. Winfuture ordnet ein, dass die Lösung „banaler als gedacht" war. PC Games Hardware merkt an, dass OpenAI das Modell als „weltweit beste KI" für die Analyse wissenschaftlicher Daten bewirbt – was in diesem Fall eher die Suchleistung als die kreative Leistung unterstreicht.
Unklar bleibt, warum dieser Lösungsweg bei früheren Versuchen ignoriert wurde. Auf scienceblogs.de gilt die Chiffre weiterhin als nicht decodiert; eine unabhängige Bestätigung der Lösung liegt bislang nicht vor, wie t3n berichtet.
Was jetzt zu tun ist
- Die Methode hinter der Schlagzeile prüfen. Bevor man ein KI-Tool auf Basis einer Erfolgsmeldung auswählt, lohnt der Blick darauf, was das Modell tatsächlich geleistet hat. Im WWI-Fall: ein einzelner Schlüsselversuch. Im Enigma-Fall: 14,8 Millionen Schlüsselüberprüfungen, ein selbst gebauter Simulator und ein Crib (der Ortsname „Rosenow"). Beide sind legitime KI-Einsätze – aber sie verlangen völlig unterschiedliche Erwartungen.
- Unabhängige Bestätigung einholen. Der WWI-Funkspruch ist auf scienceblogs.de weiterhin als ungelöst gelistet. Bei jeder KI-gestützten Analyse – ob Kryptoanalyse, Dokumentenprüfung oder Code-Review – sollte ein zweiter, unabhängiger Prüfschritt eingeplant werden, bevor das Ergebnis in Prozesse übernommen wird.
- Den Anwendungsfall konkret benennen. „KI soll uns bei X helfen" ist kein Plan. Besser: Welche Eingabe liegt vor, welches Ergebnis wird erwartet, in welcher Zeit, und was passiert, wenn die KI keine Lösung findet? Das lässt sich vor der Anschaffung beantworten, nicht danach.
Das Ärgernis an solchen Meldungen: Man liest „KI knackt 108-jähriges Rätsel" und stellt fest, dass jemand ein einziges Wort ausprobiert hat, das in der Literatur stand – nur an einem falschen Datum. Wer jetzt unsicher ist, ob die eigene KI-Evaluation auf einem ähnlichen Fundament ruht, hat damit schon die richtige Frage gestellt. Wenn Sie möchten, schauen wir uns gemeinsam an, was Ihre KI-Tools tatsächlich leisten und wo die Erwartungen hängen bleiben. Hier melden Sie sich – auch für eine kurze Einschätzung genügt das.
Beitragsbild: Dextar Studio ™ auf Pexels
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